Montag, 21. November 2016

Kalendergeschichten: Genug sein - August 2017

Das Beste für ihr Kind zu geben, die Familie perfekt zu organisieren, um das Leben voll und ganz auszukosten, für die Zukunft zu sorgen, Sicherheiten aufzubauen, Pläne zu schmieden, Kredite zu bezahlen, ...
Kinderkrankheiten, schlaflose Nächte und fremdbestimmte Tage hatten eine graue Decke aus Erschöpfung und Traurigkeit über sie gelegt. Sie sah wie der Vogel im goldenen Käfig seine Artgenossen vor dem Fenster frei und wild fliegen und wünschte sich so sehr den Wind im Haar und das Lagerfeuer zurück. Doch das kontrollierte Kaminfeuer und das entspannende Wellnesswochenende konnten ihre Unzufriedenheit und ihre Sehnsucht nach sich selbst nicht ausräumen. Sie schämte sich und fühlte sich undankbar. Sie hatte alles und mehr und verglich sich selbst mit der Fru vom Fischer, die nie genug bekam.
Wer war sie geworden? Was war mit ihr passiert?
Abends fiel sie erschöpft ins Bett, um dem Konsumanspruch des folgenden Tages standhalten zu können. Sie schien in Windeseile zu altern und das Leben rieselte unaufhaltsam wie der Sand durch eine Sanduhr. Ihre Daseinsberechtigung, neues Leben zu gebären, schien erfüllt und sie sah sich einer nie da gewesenen Leere gegenüber. Pflichtbewusst erfüllte sie ihre Alltagsaufgaben und kümmerte sich um alle anderen - aber sich selbst schien sie nicht mehr zu spüren. Wo war sie? Was waren ihre Bedürfnisse, Wünsche, Träume, Ziele? Was konnte sie tun?
Die neue Leere, die sich in ihr auftat, füllte sie mit der Angst, nicht genug zu sein. Und es kam eine lange Zeit, in der mit aller Kraft versuchte, zu genügen. Viel später, fast zu spät, als sie wieder durchscheinend wurde, erkannte sie, dass sie nicht sich, sondern den anderen genügen wollte. Und plötzlich erinnerte sie sich an die lang vergangenen Zeiten, in denen sie als bespiegeltes Zerrbild der anderen durchs Leben strich. Sie erwachte wie aus einem bösen Traum und entschied sich, auf die Suche nach neuer Fülle, neuen Lehren und neuem Leben zu machen.
So langsam wie sie sich selbst verloren hatte, so langsam schien sie wieder zu sich selbst zu finden. Sie merkte, wie schwer es war, im Äußeren etwas zu finden, was sie erfüllen konnte.
So wandte sie sich allmählich nach Innen und erschrak fast, welche Fülle und welchen Reichtum sich da auftat. Als sie sich umsah, begriff sie, dass das Funktionieren, Perfektion und Kontrollsucht ein Ende hatten und sie genug war, ganz so wie sie war.

Another Cup of Coffee, Acryl auf Leinwand, 40x80 cm, 2016

Bild August aus dem Kunstkalender 2017 von Yvonne Bölstler