Samstag, 19. November 2016

Kalendergeschichten: Mutterschaft - September 2017


Sie schien innerlich zu schmelzen. Die Kälte der Einsamkeit wich vor der Sonne des neuen Lebens in ihr zurück. Sie konnte kaum fassen, was da mit ihr geschah. Das entstehende Leben in ihr schien ihr bestehendes komplett aufzulösen. Doch sie hatte keine Angst sich zu verlieren. Sie kämpfte nicht dagegen an. Sie war sich der Kraft des Lebens so sehr bewußt, dass sie sich vertrauensvoll der Wandlung hingeben durfte. Sie sah gelassen zu, als ihre Waffen in Gletscherbächen aus ihr herausliefen und sie rund und weich wurde. Das Wunder des Lebens hatte sie ganz eingenommen und sie wurde unsicher, ob sie sich überhaupt so hingeben durfte, oder ob sie etwas tun mußte, um eine gute Mutter zu werden. So fand sie sich dabei, herauszufinden, was wohl das Beste für ihr Kind sei und verstrickte sich in Meinungen und Ratschlägen, die ihr eigenes tiefes Wissen begruben. So viel konnte sie selbst nicht wissen und die anderen belehrten sie eines Besseren.
Mit der Geburt nahm das neue Leben seinen Platz ein. Getragen von dieser Kraft spürte sie ihre eigene göttlich schöpferische Energie und gab sich der Heiligkeit des Lebens hin. Das Wunder des Lebens und der Liebe hatte sie für immer gewandelt. 
Und plötzlich standen neue Bedürfnisse eines hilflosen Kindes vor ihr und sie stelle ihre eigenen hinten an - dieses Mal mit dem Wissen, dass es auch ihre Bedürfnisse waren und sie sich nicht auflösen, sondern über sich hinaus wachsen würde.

Mutterschaft, Acryl auf Leinwand, 50x60 cm, 2016

Bild September aus dem Kunstkalender 2017 von Yvonne Bölstler