Mittwoch, 9. November 2016

Kalendergeschichten: Spiegel - Juli 2017

Ganz blass und fahl war sie geworden. Wie ein Geist ohne Substanz bewegte sie sich durch die, die so viel mehr waren – als sie selbst. Sie wollte dazu gehören und merkte, wenn sie es versuchte, dass sie es nicht schaffte. So war sie nicht. Sie konnte nicht sein wie die anderen. Den Mut sich zu zeigen mit all ihren Träumen brachte sie nicht auf. So kraftlos war sie als Geist. Jetzt gehörte sie dazu. Sie umwehte die anderen und bewegte sich mit ihnen.Sie war traurig, mutlos, voller Angst und wartete darauf, dass irgendetwas geschehen würde, das sie befreite.
Denn manchmal nachts, wenn sie allein war und im Traum nicht die Regeln der anderen befolgte, entstanden bunte und berührende Bilder, die ihr Leben hätten sein können. Dann glitt sie durch ihre Welt, war Königin, Macherin, Schöpferin. Sie liebte diese Träume, denn sie gaben ihr die Kraft, dass sie sich nicht ganz auflöste.
Doch was konnte sie tun?
Wie konnte sie ihre Träume zum Leben erwecken?
Wann würde das Schicksal endlich für ihre Befreiung sorgen? Wo war der Märchenprinz, der ihr als Kind immer versprochen wurde? Ach, sie war ja keine Prinzessin…
Plötzlich erinnerte sie sich an etwas, was sie im Traum getan hatte. Es war nur ein ganz kleiner Schritt. Zitternd und mit angehaltenem Atem bewegte sie ihre Hand und ein Schauer von Magie durchlief sie und erfüllte sie mit Kraft.
Sie spürte, sie hatte sich auf den Weg gemacht. Ihr war nichts passiert und plötzlich wurde ihr klar, dass niemand sie retten würde. Kein Prinz würde jemals vorbeireiten. Doch das war egal. Denn sie nahm selbst die Zügel in die Hand.
Sie lachte laut auf, spürte ihren Atem, ihren Herzschlag und die Energie, die sie durchströmte. Sie gewann langsam an Substanz. Sie brauchte sich nicht mehr in den anderen zu spiegeln.
Denn bei den anderen war sie nichts als ein Zerrbild derer, die sie anders haben wollten.



Spiegel, Eitempera auf Leinwand, 50x100 cm, 2016
Bild Juli - aus dem Kunstkalender 2017 von Yvonne Bölstler