Freitag, 11. November 2016

Kalendergeschichten: The Walk - Januar 2017


Sie hatte sich auf den Weg gemacht. Ihr begegneten viele, die sie liebten und vieles sog sie in sich auf und spürte, wie das Leben sich in ihr ausdehnte. Voller Selbstbewusstsein und Neugier erkundete sie die Welt für sich, stand in ihrem Zentrum und fühlte sich stark und unabhängig. Sie war kaum zu stoppen, zeigte sich in ihrer Bewusstheit, folgte ihren Bedürfnissen und kämpfte für ihr Recht. Sie war eine Kriegerin geworden. Und alles, was sich ihr in denWeg stellte und nicht zu ihr passte oder anderer Meinung war, wurde ausgeräumt - vollständig...
Und wenn sie abends an ihrem Feuer saß und sich wärmte, und der Wind der großen Weite durch ihr Haar strich, fühlte sie sich erschöpft vom vielen kämpfen - und unendlich einsam.
Wie gerne hätte sie eine Weggefährtin, mit der sie Seite an Seite kämpfen konnte, die ihr den Rücken stärkte, sie bestätigte und unterstützte. Aber da sie alle ablehnte, konnte sie keine finden, die sie begleitete.
Ihr fiel die Zeit mit den anderen ein. Die Zeit, als sie so gar nicht sie selbst war und nur die Bedürfnisse der anderen erfüllt hatte. Ihr wurde klar, dass sie nun so viel mehr als die anderen geworden war, so viel mächtiger und klarer, dass es sie mit Stolz und Abscheu gegen ihr damaliges Sein erfüllte. Da wollte sie lieber alleine kämpfen. Nie wieder wollte sie diese Anpassung spüren und sich so unterordnen. Sie stocherte noch eine Weile trotzig in der Glut ihres Feuers herum und nahm sich fest vor, am nächsten Tag weiter zu kämpfen, um sich selbst nicht mehr zu verlieren. Alles schien seinen Preis zu haben. Sie schloss die tränenden Augen. Sie fror - trotz Feuer. Innerlich so kalt.

The Walk, Acryl auf Leinwand, 80x80 cm, 2011


Bild vom Januar aus dem Kunstkalender 2017 von Yvonne Bölstler